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Mit „Wir sind das Volk“ lehnten sich die Leipziger gegen den Wahlbetrug der etablierten Politik auf. Wieso sollten unsere Repräsentanten glaubhafter sein?
Willensäußerungen des eigentlichen Souveräns werden als barbarische Relikte aus der Steinzeit der Demokratie und „grotesk“ abgetan.
Ihre Selbstherrlichkeit belegt die Rathauselite mit den sieben Todsünden, ihren Nachkriegsprojekten: Danach sind die Wettbewerbssieger Kaiserstraße, Altstadtsanierung, Fritz-Erler-Straße und Kronenplatz genau so Superstar wie die Kriegstraße, das Müllverschwelungswerk und die Messe auch ohne diese illustre Kür.

Die dreimalige Verlagerung des Bahnhofs ist wunderlicher. Mit der Einweihung 1843 wurde klar: Er liegt falsch, zerschneidet die Stadt. Nach der Eröffnung des Neubaus 1913 stellte sich trotz der vielen Anstrengungen heraus: Er liegt zu weit vom Zentrum. Statt der Gleise trennt heute eine Stadtautobahn die Stadt.

Bundesbahnpräsident BUBEL hat auf die für die BRD seltene Möglichkeit zur gemeinsamen Nutzung der Bahn- und Straßenbahngleise hingewiesen. Die Rückverlagerung der besonders verkehrsreichen Regionalbahnhofsfunktion in die Kaiserstraße aber verdanken wir dem Geistesblitz des Leiters der Verkehrsbetriebe LUDWIG. Was nunmehr die Isolation und Provinzialität zementiert, feiert die Stadt als Triumph. Sie vergisst dabei: Sie ist zum rückständigen Zentralnetz mit geringem Fassungsvermögen verdammt. Mit rund 900 und häufig mehr Bahnen am Tag schon jetzt bis über die Grenze belastet ist das Zentralnetz die am wenigsten nachhaltige Netzform.

Gedränge ist in der Dramaturgie der nunmehr täglich aufgeführten LUDWIG-FENRICH-Festspiele die Schlüsselszene. Es darf nicht etwa als Signal für den Umbau in ein deutlich leistungsstärkeres Maschennetz missdeutet werden. Vielmehr leiten aus ihr die VBK und Rathausbürokratie, von der Presse blind unterstützt, die Zwanghaftigkeit ihrer U-Strab-Lösung ab.

Koste es, was es wolle. Von fast 400 Millionen DM ist die angesagte Bausumme bereits auf fast 600 Millionen € angewachsen. Sie und voraussichtlich noch viel mehr zu zahlen hat aber das Volk!

Darf es nicht fragen wofür? Eine Aussprache über die 18 z.T. professionellen Alternativen nicht fordern?

Darum einen Bürgerentscheid. Er ist zulässig. Warum nur zeigt sich KUNTZE empört über die Unbotmäßigkeit des Volkes? Was liegt ihr denn an der Politik der Paragraphenreiter; der Farce eines kleinkarierten Legalismus? Die Beschwörung des Artikel 20 „Alle Gewalt geht vom Volke aus“ ist so gesehen makaber. Sie kostet den Verlust an Glaubwürdigkeit. FENRICHS Appell zu Gemeinsinn und Verbrüderung ist anmaßend.

Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn das man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten.“
Matth. 5, 13

Franz Eschbach